Unterhaltung über den »Tasso« von Goethe - Hugo von Hofmannsthal - Страница 1 из 18


»Tasso« von Goethe Man war zur Stadt und ins Theater
gefahren, da ein kühl-trüber Nachmittag mitten in die Zeit
stärkster Rosenglüte, flammend heißer Tage,
überstark duftender Abende einbefallen war. Es wurde der
»Tasso« gespielt. Im Nachhausefahren ließ man den
Wagen aufschlagen. Noch tropften die Zweige, aber der feuchten
Kühle mischten sich, wie man ohne Ende an Gärten und
Gärten vorbeikam, Ströme lauerer Luft, hauchender Duft von
offenen Rosen und der starke Duft der Rainweide; auch drang an einer
Stelle des Himmels ein gelblich schwacher Schein vom Mond hervor. Die
zwei Frauen und zwei Männer in dem bequemen, ruhig dahinrollenden
Landauer sprachen wenig, sie waren Freunde, das eine Paar bei dem
anderen zu Gast, und fanden sonst in sich und dem Leben der Welt, an
dem sie alle vier einen lebhaften Anteil hatten, unerschöpflichen
Stoff des Gesprächs. Aber man hatte – und jeder von den
vier zum erstenmal im Leben – den »Tasso« gesehen,
man hatte Kainz den Tasso spielen sehen, und die Phantasie, für
vierthalb Stunden überstark gefesselt, konnte sich von diesen
Bildern weder entfernen noch sich ihrer durch Worte entladen.
Wie ein zu starker Schein quälend im Auge nachfunkelt, brachte in
diesen vier so verschiedenen Menschen der innere Sinn immer wieder das
Nachbild der Töne und Gebärden hervor, in denen geistige
Qualen sich hier, geisterhaft verkörpert, allen
äußeren Sinnen preisgegeben hatten. Der Mann, der dies


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