Unterhaltung über die Schriften von Gottfried Keller - Hugo von Hofmannsthal - Страница 1 из 12


von Gottfried Keller Unter den jungen, nicht überjungen
Freunden, die in einer hölzernen luftigen Laube saßen, auf
die Gartenecke gebaut, dort wo die rebenbekletterten Mauern
zusammenstießen, kam das Gespräch unversehens auf diese
schöne leuchtende Materie. Denn sie unterhielten sich
zunächst keineswegs über Bücher, sondern über
Feste, von denen keiner weder daheim noch in der Fremde ein besonders
schönes wollte miterlebt haben, es sei denn, daß aus der
Kinderzeit noch die Feuerkugeln und fallenden Funken eines
schönen Feuerwerks im Gedächtnis aufglühten. Nur das
alte liebliche Fronleichnam nahmen sie als österreichische
Landeskinder aus, aber von weltlichen oder gar künstlerischen
Festen und Umzügen, von römischen künstlerischen
Münchner und Pariser Karnevalen, die ihnen begegnet waren,
hieß es, sie wären nicht der Mühe wert gewesen.
Dergleichen gibt es ja gar nicht mehr, wurde kurz gesagt, es existiert
dies alles nur mehr in der »Woche«, nicht aber in der
Welt. Da erinnerte einer an die Bücher von Keller, die voll mit
dergleichen Festen sind. »Den ›Grünen
Heinrich‹ haben mir«, sagte der Legationssekretär,
»diese nicht endenwollenden Münchener
Künstlerfeste auch wirklich verleidet. Wie schön wäre
das Buch, wenn es nur seinen Anfang hätte und das andere
verlorengegangen wäre. Dieses Anfangs erinnert man sich ja
wirklich gar nicht wie einer gelesenen, sondern wie einer erlebten


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