Der König der Bernina - Jacob Christoph Heer - Страница 1 из 327


schwimmt über dem dreizackigen sammetgrünen Thalstern des
Engadins. »Pülüf – pülüf,«
dringt sein hungriges Pfeifen aus der Bläue; die Gabel
fächerartig ausgebreitet, steigt er etwas in die Tiefe und
späht, dann hebt er sich ungeduldig in die oberen Lüfte, der
Sonne entgegen, ja höher als die Bernina, die sanft und doch
kühn in das Thal herniederschaut und den ersten Strahl des
Taggestirns mit ihrem Silberschild auffängt. Der Reif
funkelt auf den Auen, die den jungen Inn säumen. Ueberall
Licht, reines Licht der Höhe, und die Berge wachsen in seiner
schwellenden Flut. Voll andächtiger Ruhe zieht der Adler
seine Runde und rührt die gespannten Flügel nur dann und
wann in zwei oder drei leichten Schlägen. Er überfliegt die
weißen Spitzen, er schwebt über den Dörfern
Pontresina, St. Moritz, Samaden und über lichtglänzenden
Seen. Wenn er in die Tiefe steigt, so spielen seine Schwung- und
Ruderfedern in der Sonne, meistens aber hängt er, ein Punkt nur,
den das Licht vergoldet, an der Himmelsglocke. Es
muß wonnig sein, als Adler, als Herr und König, vor dem die
Kreatur erbebt, über dem Gebirgsland zu schweben. Durch die
schweigende Frühe geht von Samaden her, den Krümmungen des
Inns entlang, ein hochgewachsener, breitschultriger junger Mann gegen
die paar Häuser von Celerina empor, das in der Mitte des
Thaldreiecks liegt. Er hat das Gewehr quer über den Rücken


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