Der Wetterwart - Jacob Christoph Heer - Страница 1 из 443


feuriges Rad sinkt die Sonne hinter fernen westlichen Spitzen. Eine
mattsilberne Platte glänzt in der Ebene der See, langsam deckt
ihn die Dämmerung mit blauen Schleiern zu. An seinen Ufern hat
heute die beginnende Weinlese gejauchzt. Lange habe ich durch mein
Glas dem krabbelnden Ameisenvölklein, den fröhlichen Scharen
der Winzer und Winzerinnen zugesehen. Nun sind sie in ihre Hütten
und Häuser gegangen. Da ein Tupfen, dort ein Tupfen glimmen die
Lichter wie Johanniswürmchen auf, wo sie gesellig leuchten, ruhen
die Dörfer, weit draußen, wo der Lichtfleck breit
ausgegossen wallt, liegt am Ende des Sees St. Jakob, die große
Stadt. Jetzt läutet es über der einschlafenden Welt wohl
Betzeit von den Türmen. In meine Einsamkeit herauf dringt kein
Ton, kein Ton. Die Stille auf meinem Felsen ist groß und
grenzenlos. Ich bin der Wetterwart vom Feuerstein und bedarf des
Lebens der Tiefe nicht. Gehörte ich zu den Armseligen, die sich
ohne Menschen langweilten, so wäre ich nicht zu Berg gestiegen.
Von Menschenart und Menschenwesen aber habe ich mehr gesehen als
andere, und in ihr Treiben verlangt mich nicht zurück. Die, denen
ich diene, dürfen sicher sein, daß ihnen der Wetterwart
nicht vom Feuerstein entläuft. An den Berg fesseln mich die
übernommene Pflicht, die mir lieb ist, und der hinkende
Fuß, den ich hasse. Es sind nun sieben Jahre, daß ich
mich mit dem noch nicht völlig geheilten Bein auf das


-10     пред. Страница 1 из 443 след.     +10