Felix Notvest - Jacob Christoph Heer - Страница 1 из 334


den krystallklaren Fluß, der zwischen Waldhügeln hervor in
die offene Thalmulde plaudert. Sie verbindet die Abtei und das
Dorf Reifenwerd. Stimmungsreich erhebt das ehemalige Kloster seine
Doppeltürme und Giebel südlich vom scheunenthorartigen
Eingang der Brücke aus mächtigen Baumkronen, und neugierig
ragen die leichten, spitzen Dachreiter über das
unregelmäßige Viereck roter Hohlziegeldächer. Unter
den weit ausgreifenden Aesten der Linden hindurch sieht man das
mächtige, altersgraue Thor mit der kleinen Pförtnerei, und
nur wenig zurück erhebt sich, von Strebepfeilern gestützt,
die hohe, dreischiffige Kirche, ein einfacher gotischer Bau aus dem
dauerhaften Grausandstein der Gegend. Ueber die Ecken der niedrigen
Seitenschiffe steigen die Türme, die indessen, nur wenig
über den hohen First des Mittelschiffes geführt, nicht in
ihrer ursprünglichen Anlage vollendet worden sind, sondern mit
Spitzhelmen abschließen, deren blau und weiß glasierte
Ziegeldächer hell in die Sonne leuchten. Aus den Quadern des
einen Turmes schaut unmittelbar unter dem Helm ein stark verwittertes
Bildnis, das eine Krone trägt, hinüber zur Brücke und
zu der Ruine Reifenloh, einem alten Turm mit geborstenen
Mauerzähnen, welcher sich auf dem Buchenhügel über der
Brücke und den ersten Häusern des Dorfes erhebt. Das
verwitterte Bildnis ist die »Frau von Reifenwerd«, der
Volksmund sagt, es stelle Agnes, die Königin von Ungarn, dar, die


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