Laubgewind - Jacob Christoph Heer - Страница 1 из 351


laßt zechen – und krönen,
Mit Laubgewind
Die Stirnen, die noch dem Schönen
Ergeben sind!
Heinrich Leuthold 1 Es war um die
Mittagszeit. Der Herbststurm strich durch München. Die breite,
schöne Ludwigstraße lag in greller Sonne. Die Menschen
eilten und hasteten wie jeden Tag um diese Stunde. Auch sie eilte
und hastete. Nein, auf dem Odeonsplatz, am Eingang der
Straße stand sie vor einer Kunsthandlung mit großen
Auslagen still. Seit sie in München weilte, war es ihr zur
Gewohnheit geworden, auf dem Weg zum Mittagsbrot einen kürzeren
oder längeren Blick auf die wechselnden Schätze des
Kunstladens zu werfen. Der Sturm drängte sie fast mit Gewalt zum
Weitergehen, sie aber stand. Das wilde Spiel des Windes tat ihr nach
den langen Vormittagsstunden im schlecht gelüfteten,
überheizten Atelier wohl. Sie freute sich, daß es
stürmte. Nur jetzt nicht die Ruhe! Sie griff mit der Hand
unwillkürlich in die Tasche ihres eisgrauen, wollenen Mantels.
Der Brief aus der Heimat quälte sie, der Brief des alten Lehrers,
der ihr kleines Vermögen verwaltete. Um ihren Mund zuckte es
von bitterem Ernst. Was der alte, ihr wohlgesinnte Mann daheim im
Dorf für ein gutes Gedächtnis besaß! Ja, gerade heute
jährte es sich zum drittenmal, daß sie als
Kunstschülerin nach München gekommen war. Grenzenlos
schüchtern und fremd hatte sie damals die Stadt betreten, unter


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