Fabeln - Johann Gottfried Herder - Страница 1 из 2


sich die Sonne und der Wind, wer von ihnen beiden der Stärkere
sei, und man ward einig, derjenige solle dafür gelten, der einen
Wanderer, den sie eben vor sich sahen, am ersten nötigen
würde, seinen Mantel abzulegen. Sogleich begann der Wind zu
stürmen; Regen und Hagelschauer unterstützten ihn. Der arme
Wanderer jammerte und zagte; aber immer fester wickelte er sich in
seinen Mantel ein und setzte seinen Weg fort, so gut er konnte.
Jetzt kam die Reihe an die Sonne. Mit milder und sanfter Glut
ließ sie ihre Strahlen herabfallen. Himmel und Erde wurden
heiter; die Lüfte erwärmten sich. Der Wanderer vermochte den
Mantel nicht länger auf seinen Schultern zu erdulden. Er warf ihn
ab und erquickte sich im Schatten eines Baumes, während sich die
Sonne ihres Sieges freute. Johann Gottfried Herder Das
größte Übel des Staats, die Ratte in der
Bildsäule Hoan-Kong frage einst seinen Minister, den
Koang-Tschong, wofür man sich wohl in einem Staat am meisten
fürchten müsse. Koang-Tschong antwortete: »Prinz, nach
meiner Einsicht hat man nichts mehr zu fürchten, als was man
nennet: die Ratte in der Bildsäule.« Hoan-Kong verstand
diese Vergleichung nicht; Koang-Tschong erklärte sie ihm also:
»Ihr wisset, Prinz, daß man an vielen Orten dem Geiste des
Orts Bildsäulen aufzurichten pflegt; diese hölzernen Statuen
sind inwendig hohl und von außen bemalet. Eine Ratte hatte sich
in eine hineingearbeitet; und man wußte nicht, wie man sie


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