Kalendergeschichten - Johann Peter Hebel - Страница 1 из 16


uneben sei, was im Morgenlande geschieht, das haben wir schon einmal
gehört. Auch folgende Begebenheit soll sich daselbst zugetragen
haben. Ein reicher Mann hatte eine beträchtliche Geldsumme,
welche in ein Tuch eingenähet war, aus Unvorsichtigkeit verloren.
Er machte daher seinen Verlust bekannt und bot, wie man zu tun pflegt,
dem ehrlichen Finder eine Belohnung, und zwar von hundert Talern an.
Da kam bald ein guter und ehrlicher Mann dahergegangen. »Dein
Geld habe ich gefunden. Dies wird's wohl sein! So nimm dein Eigentum
zurück!« So sprach er mit dem heitern Blick eines ehrlichen
Mannes und eines guten Gewissens, und das war schön. Der andere
machte auch ein fröhliches Gesicht, aber nur, weil er sein
verloren geschätztes Geld wieder hatte. Denn wie es um seine
Ehrlichkeit aussah, das wird sich bald zeigen. Er zählte das Geld
und dachte unterdessen geschwinde nach, wie er den treuen Finder um
seine versprochene Belohnung bringen könnte. »Guter
Freund«, sprach er hierauf, »es waren eigentlich 800 Taler
in dem Tuch eingenäht. Ich finde aber nur noch 700 Taler. Ihr
werdet also wohl eine Naht aufgetrennt und Eure 100 Taler Belohnung
schon herausgenommen haben. Da habt Ihr wohl daran getan. Ich danke
Euch.« Das war nicht schön. Aber wir sind auch noch nicht
am Ende. Ehrlich währt am längsten, und Unrecht schlägt
seinen eigenen Herrn. Der ehrliche Finder, dem es weniger um die 100
Taler als um seine unbescholtene Rechtschaffenheit zu tun war,


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