Rosenresli - Johanna Spyri geb. Heusser - Страница 1 из 27


Kapitel Zur Zeit der Rosen Der Dorfbote Dietrich aus Wildbach,
der früher ein ordentliches Heim besessen, war seit einigen
Jahren sehr heruntergekommen und hatte dadurch auch Amt und Verdienst
verloren. Seine einzige Beschäftigung bestand darin, hier und da
aus seinem unbebauten Acker einige Büschel Gras
auszureißen, die er der mageren Geiß als Mittagsmahl
heimbrachte. Für ihn und sein Pflegekind gab's dann nur einige
Kartoffeln und ein wenig Milch. Nach dem Essen verschwand Dietrich und
erschien erst Gegend Abend wieder, um die Geiß zu melken.
Dann sah man ihn daheim nicht mehr. Jedermann wußte aber,
daß er bis spät in die Nacht hinein im Wirtshaus saß,
und ihm bald Haus und Acker und Geiß genommen wurde, um seine
Schulden damit zu bezahlen. So lange seine Frau gelebt hatte, war
alles noch besser gegangen. Sie hatten mehr Feld und eine Kuh gehabt,
und früh und spät hatte die Frau fleißig gearbeitet.
Eigene Kinder hatten sie nie gehabt, aber eine verwaiste Nichte von
Dietrich lebte seit drei Jahren bei ihnen. Vor einem Jahr hatte er
seine Frau verloren, und seither war es so rasch abwärts mit ihm
gegangen, daß sich nur jeder über das frische,
blühende Aussehen des Kindes wundern mußte. Es war jetzt
acht Jahre alt und hieß überall nur das Rosenresli, denn es
wurde niemals gesehen, ohne daß es ein Röslein in der Hand
oder im Mund hatte. Das Resli, das ursprünglich Therese
hieß, hatte ein solches Wohlgefallen an den Rosen, daß es


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