Was die Großmutter gelehrt hat - Johanna Spyri geb. Heusser - Страница 1 из 35


Erzählung 1. Kapitel Der Kummer der alten
Waschkäthe Die alte Waschkäthe saß in ihrem
Stübchen im einsamen Berghüttchen und schaute nachdenklich
auf ihre gekrümmten Hände, die sie vor sich auf die Knie
gelegt hatte. Bis der letzte Abendschein hinter den fernen
Waldhöhen verglommen war, hatte sie fleißig an ihrem
Spinnrad gearbeitet. Jetzt hatte sie es ein wenig beiseite
gerückt, die Hände mußten müde sein, die so
gekrümmt und abgearbeitet aussahen. Die Alte seufzte auf und
sagte vor sich hin: »Ja, wenn ich noch könnte wie
früher!« Sie meinte wohl arbeiten, denn das hatte sie
tapfer ihr Leben lang getan. Nun war sie alt geworden, und die
früher so rüstige und unermüdliche Waschfrau konnte gar
nichts mehr tun, als ein wenig spinnen, und das trug sehr wenig ein.
Dennoch hatte sie sich schon seit ein paar Jahren auf diese Weise
durchgebracht und noch dazu ihr Enkelkind erhalten, das bei ihr lebte
und noch nicht viel verdienen konnte. Es hatte zwar auch seine kleinen
Einnahmen, denn es war ein flinkes und geschicktes Kind. Heute
erfüllte die Großmutter aber noch ein besonderer Kummer,
der ihr schon seit dem frühen Morgen das Herz schwer gemacht
hatte. Ihr Enkelkind, das fröhliche Trini, das sie von klein auf
erzogen hatte, war zwölf Jahre alt geworden. Es sollte im
Frühling aus der Schule entlassen werden und dann in einen Dienst
gehen. Heute früh nun war der ferne Vetter unten aus dem


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