Sächsische Volksmärchen aus Siebenbürgen - Josef Haltrich - Страница 1 из 463


Siebenbürgen 1. Die beiden Goldkinder
Vor vielen, vielen Jahren geschah es einmal, daß zwei
Mägde im Feld nicht weit von der Landstraße arbeiteten; die
eine rupfte Hanf, die andere schnitt Korn; sie sprachen aber
miteinander von mancherlei und waren lustig und guter Dinge. Nur
einmal kam auf einem stattlichen Roß der junge König
herangeritten. Die Mägde ließen von ihrer Arbeit, standen
und staunten. Als der König ganz nahe war, grüßte er
die Jungfern freundlich, und da rief die jüngere gleich der
altem: »Wenn mich der König zum Weibe nähme,
würde ich ihn und seinen ganzen Hof mit meinem Hanf
bekleiden!« – »Und ich«, sagte die
ältere, »würde, wenn er mich zu seiner Köchin
machte, ihn und sein ganzes Haus mit meinem Korn ernähren!«
Diese Reden hatte der hohe Herrscher gehört. und da sie ihm
wohl gefielen, schickte er am folgenden Tage nach den beiden
Mägden und wählte sich die jüngere zu seiner Gemahlin,
die ältere aber machte er zu seiner Oberköchin und gab ihr
die Aufsicht über alle Bäcker und Köche des Reiches.
Anfangs fühlten sich beide Mägde sehr glücklich, bald
aber erwachte in der älteren der gelbe Neid: sie wäre selbst
gerne in der Stelle ihrer jungem Freundin gewesen. Darum erdachte sie
bei sich einen Plan, wie sie dieselbe verderben sollte. Sie stellte
sich gegen die junge Königin sehr untertänig und treu, und
diese in ihrem arglosen Herzen liebte sie wie zuvor, als sie noch


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