Der Rettungsengel - Karl (Friedrich) Henckell - Страница 1 из 10


eben zum Barbier gehen,« warf er hastig dem Freunde hin, mit dem
er zusammen wohnte, und war hinaus. Sie pflegten sonst
gemeinschaftlich um diese Zeit die Pension aufzusuchen, wo sie zu
Mittag speisten. Aber heute war es so weit gekommen, daß
Martini's Magen den Leiden seiner Seele gegenüber nicht mehr die
resolute Gewohnheitsmacht durchsetzte ... Die Gespenster seines
gequälten Geistes schlenkerten mit ihren hageren
Schattenhänden selbst die süße, sonst so verlockende
Nachtischmehlspeise bei Kunzlis in den bodenlosen Abgrund aller
Daseinsnichtigkeiten. Halb und halb hatte Martini seinen Freund
belogen. Das heißt von der Vorplatzthür an bis zur
nächsten Ecke, wo der magere, kleine Bartkünstler sein
kümmerliches Atelier besaß, schwankte er wohl hundertmal
hin und her, ob er die paar elenden Borsten sich nicht doch noch
zuguterletzt abnehmen und erst dann vor diesen gräßlichen
Fangarmen angstschüttelnder Verzweiflung in den leidlosen
Ruheschoß Nirwanas sich zurückziehen solle. Doch wie nun
die breite Hottingerstraße herauf die
mahlzeitlüsterne Mittagsschlange der Bürger Zürichs mit
ihrem geradezu vernichtenden Alltagsgesicht sich ihm entgegenschob und
walzte, da schoß der Kompaß seines Ich fanatisch auf
Jenseits. Martini nahm den schwarzen, ziemlich abgetragenen
Frühjahrsüberzieher auf den andern Arm und schlug direkt die
Richtung nach dem See ein. Es war erst Mitte März, aber der Lenz


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