Ein Mord in Riga - Karl von Holtei - Страница 1 из 183


Kapitel In der zweiten Hälfte des Monats August (griechischen
Stiles) im Jahre 183* fuhr eine mit sieben kleinen litauischen
Postpferden bespannte Reisekutsche am Gasthofe des Herrn Zehr, dem
besten Hotel von Kurlands Hauptstadt, vor. Herr Zehr in eigener
Person sprang aus der Haustür und öffnete den
Kutschenschlag, ehe noch der auf dem hintern Dienstbotensitz
schwebende Bursche oder gar die neben ihm in Schachteln und
Bündel eingezwängte Kammerjungfer sich erheben konnten.
»Ei, Herr Oberältester Singwald«, rief Herr Zehr,
indem er einem bejahrten, doch rüstigen Manne aus dem Wagen half,
»willkommen in Mitau; meine gütige Madame Singwald, ich
empfehle mich Ihnen; glücklich wieder heimgekehrt von der
Badekur? Geht es gleich weiter nach Riga, oder soll ich die Ehre
haben, Sie bei mir zu beherbergen?« »Es ist wohl schon
spät«, meinte Herr Singwald, wobei er seine Gemahlin
fragend ansah, »bei Nacht zu Hause eintreffen ist auch kein
Vergnügen.« »Und Nacht wird es«, setzte der
Gastwirt hinzu, »bis Sie nach Riga kommen, späte Nacht. Sie
müßten denn fahren wie neulich Ihr Herr Postmeister von
Livland, der wegen einer Wette die Tour von Riga nach Mitau samt
nötigem Aufenthalt in Olay mit gewöhnlichen Postpferden in
achtundfünfzig Minuten machen wollte. Er hatte gegen Herrn Konsul
– ich weiß nicht gleich den Namen – gewettet.«
»Nun, wer hat gewonnen?« fragte Singwald gespannt.


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