Der Todeskandidat - Max Herrmann-Neiße - Страница 1 из 101


Erzählung   Zuerst erschienen:
1927 Der Todeskandidat
Um Punkt fünf Uhr drückte Clemens auf den
Klingelknopf unter dem Porzellanschild: Dr. med. Geier, Sprechstunde
von fünf bis sieben. Drinnen gab es ein schnarrendes
Geräusch wie von einem aufgestörten bösartigen Vogel.
Clemens mußte sich einen Augenblick an das Treppengeländer
lehnen, er fühlte sich am Ende seiner Kräfte. Seit Monaten
litt er an dieser unerklärlichen, ungreifbaren Krankheit, die ihn
mitten im sichersten Wohlbefinden, ohne jede Warnung, überfallen
hatte. Grade daß es ihm damals noch gelungen war, sich nach
Hause zu schleppen in seine trostlose Junggesellenwohnung, dies eine
unfreundliche Parterrezimmer, das – ohne Entree – gleich
auf den schmutzigen Hinterhof mündete. Wochenlang hatte er
dann dort fiebernd im Bett gelegen, ohne daß sich jemand um ihn
gekümmert hätte. Nach regelmäßigen Mahlzeiten
hatte es ihn damals sowieso nicht verlangt. So waren ihm zuerst die
alten, fast ungenießbaren Reste von Brot und Käse genug
gewesen. Später huschte er einmal in der Woche um die
Abendstunden notdürftig bekleidet in einen benachbarten
Lebensmittelkeller und versorgte sich mit dem Billigsten, was es dort
an Eßbarem gab. Außer zu diesen seltenen und
dürftigen Einkäufen hatte er seine Wohnung nicht verlassen.
Gleich im Anfang war es nämlich für seine Krankheit


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