Köpfe Band III (Prozesse) - Maximilian Harden - Страница 1 из 508


Tag, da jeder Hausvater in Israel das einjährige Lamm zum
Passahmahle bereitet. Wo heute der Mutesarrif von Jerusalem
gjaurischen Gaffern seinen Harem verbirgt, steht, dicht neben dem auf
den Namen des Marcus Antonius getauften Thurm, der alte Palast des
Herodes. Hier, im Prätorium, gebietet Rom, spricht, im Namen des
Kaisers Tiberius, der Prokurator von Judaea das Recht. Pontius
heißt er und trägt, zur Erinnerung an einen dem Ahnen
verliehenen Ehrenspeer, den Beinamen des Pilatus. Ein vornehmer
Römer, der sich unter dem rückständigen Judenvolk
unbehaglich fühlt und von diesem Volke gehaßt wird, als sei
er der Urheber fortwirkenden Unheils. Sein Mühen, die Verwaltung
der Provinz zu modernisiren, bessere Verkehrsmittel und eine dem neuen
Bedürfniß angepaßte Vertheilung der öffentlichen
Arbeiten zu schaffen, scheitert am starren Felsgestein des mosaischen
Gesetzes und bringt ihm, statt Dankes, nur noch stärkeren
Widerhall der Volkswuth ins Haus. Der kühle, im Dienst
nüchterner Vernunft erzogene Praktiker muß überhitzten
Schwärmern ein Gräuel sein. Er will ihnen ein helles,
luftiges Wohngebäude in gutem Römerstil errichten; sie
wollen in ihrer dumpfen, luftlosen, unfrohen Gespensterwelt
weiterhausen, wo Schatten nur, talmudische Schemen herrschen und jede
natürliche Regung, heute wie gestern, als Todsünde gilt.
Rom und Judaea verstanden einander niemals. Wenn der Prokurator einen
nützlichen Neubau befiehlt, schreien die Juden empört auf;


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