Die Tobias-Vase - Moritz Heimann - Страница 1 из 51


An einem Frühjahrsabend stand der Pfarrer eines kleinen
märkischen Dorfes am Zaun seines Hofes und sah einem Bretterwagen
nach, der eben vom Sand auf die gepflasterte Straße klomm und
sich auf dieser klappernd entfernte. Der Pfarrer stand noch, als das
Fuhrwerk verschwunden war, dann wandte er sich nach dem Hofe. Er
begegnete seiner Frau, und in der Art von Leuten, die einen Ärger
nicht anders als in der Form des Vorwurfs zu äußern wissen,
sagte er zu ihr: »Ich bin sicher, daß sich Seiffert wieder
betrinken wird – heute wie jeden Sonnabend; wir hätten ihm
einen so kostbaren Transport nicht anvertrauen dürfen. Warum bin
ich nur nicht bei meinem ersten Gedanken geblieben, ein eigenes
Fuhrwerk zu nehmen, das die Vase abholt!« Die Frau, die weder
des Kutschers Nüchternheit verfechten, noch sich dem Gedanken,
ein eigenes Fuhrwerk anzunehmen, im geringsten widersetzt hatte,
schwieg bei den wenig freundlichen Worten; aber ihre grauen Augen
nahmen einen Ausdruck von Hilflosigkeit an, sie kehrte sich ab und
ging ins Haus. Der Pfarrer sah ihr beschämt nach. Er
wußte wohl, daß ein Wort genügt hätte, das
liebevolle Gleichgewicht zwischen ihnen herzustellen; aber er
wußte auch, daß das Wort schon im Herzen sich gleich
wieder unfreundlich verwandeln würde, sobald er es auf die Lippen
würde zwingen wollen. Zu gern versteckte er sich; er wußte
es und konnte doch nur schwer dagegen kämpfen. In Unbehagen


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