Dr. Wislizenus - Moritz Heimann - Страница 1 из 64


seinem Hause, das, vom Dorf eine halbe Stunde entfernt, mit Garten und
Gehöft, völlig für sich allein im Ausschnitt eines
Kiefernwaldes lag, saß an einem Abend gegen Oktoberende der
Dr. Wislizenus vor seinem Tische und las. Sein
Dienstmädchen, ein junges, gegen den ortsfremden und in vielen
Stücken absonderlichen Herrn noch immer scheues Kind von wenig
über fünfzehn Jahren, öffnete die Tür und gab ihre
abendliche Meldung ab: »Herr Doktor, ich gehe jetzt.«
– »Schön«, sagte er und erhob sich, um nach
seiner Gewohnheit hinter dem Mädchen sogleich die Haustür
abzuschließen. Er war ein Mann am Ausgang der dreißiger
Jahre, mittelgroß und breitschultrig, mit tiefen, trägen
und melancholischen Augen in einem Gesicht, dessen luftgesunde Farbe
zu seinen überfeinen Zügen in demselben Gegensatz stand wie
der kurzgehaltene, aber dichte, braune Bart um Wangen und Kinn; die
scharf gezeichnete und dabei nervöse Oberlippe war rasiert.
Er streifte das neben ihm gehende Kind mit einem flüchtigen
Blick; ein zarter Busen, ein hübscher Mund, dachte er, und sagte:
»Bringen Sie uns morgen einen Liter Milch extra heraus!«
Er hatte fast jeden Abend einen Wunsch ähnlicher Art, um nur die
Leerheit und Verlegenheit des gleichgültigen Abschiedes in etwas
zu mildern. Als sie gegangen war, trat er über die Schwelle,
stieg die drei breiten und niedrigen Stufen zum Hof hinab ,
fröstelte, nahm den ausgestirnten Himmel wahr und fühlte an


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