Die Serényi - Otto Erich Hartleben - Страница 1 из 174


Warum fange ich erst jetzt an, ein Tagebuch zu schreiben? Ich habe
so viel erlebt: so viel Trauriges, so viel Buntes, und nie hatte ich
das Bedürfnis, es für mich niederzuschreiben. Erst
heute! Heute ist mein fünfundzwanzigster Geburtstag. Aber das
ist es nicht. Diese runde Summe von einem Vierteljahrhundert –
sie imponiert mir gar nicht. Nein, es ist etwas anderes. Mein
Gatte – o Gott! – mein Gatte soll diese Blätter einst
lesen. Ich habe mich heute verlobt – verlobt –
Mein Herz ist voller und reicher denn je. Mit der Mutter hab ich bis
jetzt geplaudert: wir haben uns geküßt und immer wieder
geküßt. So froh sind wir selbst damals nicht gewesen, als
ich meine ersten Triumphe feierte, meine ersten Kränze aufnahm
... Aber nun bin ich allein. Und mein Herz ist noch immer nicht
still: es muß noch immer jubeln und von seinem Glücke
reden. – O meine liebe, gute Mutter! Was bist du mir
gewesen, wie hast du mich geschirmt, wie hast du mich geliebt ...
– Schlafe, mein Kind! Wache nicht mehr in deinem Zimmer: Dein
Glück gehört dir auch noch morgen, so sagtest du zuletzt.
Ja, Mutter, ich will dir folgen. Ich lege mich nieder – mein
Glück gehört mir auch noch morgen! 3. August 1886.
Ich denke noch daran: ich will sie nicht vergessen, jene Zeit. Der
Vater war gestorben, plötzlich – und nun waren wir arm. Ich
war siebzehn Jahre alt, verzogen und kindisch – ein


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