Zwiefacher Irrtum - Paul Hansmann - Страница 1 из 94


verheiratet und hatte seit fast fünf Jahren und sechs Monaten
nicht nur eingesehen, daß sie ihren Gatten unmöglich lieben
könnte, sondern daß es auch noch schwierig sei, einige
Achtung vor ihm zu haben. Der Gatte war ja kein unanständiger
Mensch; war weder ein Dummkopf noch ein Einfaltspinsel. Vielleicht
indessen hatte er von alledem etwas abbekommen. Wenn sie in ihren
Erinnerungen gekramt, hätte es ihr wieder einfallen können,
daß sie ihn einstmals liebenswürdig gefunden. Jetzt aber
langweilte er sie, fand sie ihn durchaus abstoßend. Seine Art zu
essen, Kaffee zu trinken, zu sprechen, machte sie nervös und
ungeduldig. Sie sahen und sprachen sich fast nur bei Tisch, speisten
aber mehrere Male in der Woche zusammen zu Mittag, und das
genügte, um Julies Abneigung bestehen zu lassen. Chaverny war
ein ziemlich hübscher Mann, ein bißchen zu dick für
sein Alter, mit frischem Teint, ein Sanguiniker, der sich aus
Charakterstärke vor jenen unklaren Aufregungen in Acht nahm, die
phantasiebegabte Männer häufig quälen. Er hegte den
kindlichen Glauben, seine Frau bringe ihm eine stille Freundschaft
entgegen (um sich wie am ersten Ehetage geliebt zu wähnen, dazu
war er ein zu großer Philosoph), und diese Überzeugung
bereitete ihm weder Freude noch Kummer; an's Gegenteil würde er
sich gleichfalls gewöhnt haben. Mehrere Jahre hatte er in einem
Kavallerieregiment gestanden; als er aber ein bedeutendes


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