Andrea Delfin - Paul Heyse - Страница 1 из 120


In jener Gasse Venedigs, die den freundlichen Namen «Bella
Cortesia» trägt, stand um die Mitte des vorigen
Jahrhunderts ein einfaches, einstöckiges Bürgerhaus,
über dessen niedrigem Portal, von zwei gewundenen hölzernen
Säulen und barockem Gesims eingerahmt, ein Madonnenbild in der
Nische thronte und ein ewiges Lämpchen bescheiden hinter rotem
Glas hervorschimmerte. Trat man in den unteren Flur, so stand man am
Fuße einer breiten, steilen Treppe, die ohne Windung zu den
oberen Zimmern hinaufführte. Auch hier brannte Tag und Nacht eine
Lampe, die an blanken Kettchen von der Decke herabhing, da in das
Innere nur Tageslicht eindrang, wenn einmal die Haustür
geöffnet wurde. Aber trotz dieser ewigen Dämmerung war die
Treppe der Lieblingsaufenthalt von Frau Giovanna Danieli, der
Besitzerin des Hauses, die seit dem Tode ihres Mannes mit ihrer
einzigen Tochter Marietta das ererbte Häuschen bewohnte und
einige überflüssige Zimmer an ruhige Leute vermietete. Sie
behauptete, die Tränen, die sie um ihren lieben Mann geweint,
hätten ihre Augen zu sehr geschwächt, um das Sonnenlicht
noch zu vertragen. Die Nachbarn aber sagten ihr nach, daß sie
nur darum von Morgen bis Abend auf dem oberen Treppenabsatz ihr Wesen
treibe, um mit jedem, der aus- und einginge, anzubinden und ihn nicht
vorüberzulassen, eher er ihrer Neugier und Gesprächigkeit
den Zoll entrichtet habe. Um die Zeit, wo wir sie kennen lernen,


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