Das Bild der Mutter - Paul Heyse - Страница 1 из 83


reichen Mannes, der in hohem Alter gestorben war und seiner jungen
Frau Haus und Garten und ihre Freiheit hinterlassen hatte. Die
schöne Anna zeigte wenig Lust, diese drei sicheren Güter, zu
denen sich im Laufe der Zeit mehr als Ein Liebhaber meldete, gegen das
ungewisse Gut einer neuen Ehe zu vertauschen. Sie zog es vor, ihre
eigene Herrin zu bleiben, von ihrem Reichtum einen sinnigen und
wohlthätigen Gebrauch zu machen, in den schönen
Gemächern ihres Hauses dann und wann die Freunde ihres
verstorbenen Gemahls zu bewirthen und sich die einsamen Stunden mit
Musik, Blumenzucht und Lektüre zu vertreiben. Man sah sie oft im
Theater und Concert, nicht selten auch in der Kirche, überall
ohne Scheinsucht und Gepränge, eine völlig anmutige Gestalt,
deren Anblick einem jeden erfreulich war. Niemand fühlte sich
veranlaßt, auf ihre Kosten einige jener halblauten Geschichtchen
herumzubringen, wie man sie jungen Wittwen aus Mißgunst auf die
mancherlei Rechte ihrer freien Stellung anzuhängen pflegt. Auch
näherte sie sich mehr und mehr der kühleren Zone des
Frauenlebens, und die ernsthaften Gespräche, die sie mit ihrem
Freunde, dem Domprediger, pflog, klangen aus ihrem Munde nicht drollig
mehr, obwohl dieselben rothen Lippen zu anderer Zeit im traulichen
Kreise aufs Beste zu scherzen wußten, und ein kindlich
träumerischer Zug die verständigen Augen noch oft
umschwebte. Sie hatte mit ihrem alten Manne, der von kranken Launen


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