Das Mädchen von Treppi - Paul Heyse - Страница 1 из 54


(1855) Auf der Höhe des Apennin, wo er sich zwischen Toskana
und dem nördlichen Teil des Kirchenstaats hinzieht, liegt ein
einsames Hirtendorf, Treppi genannt. Die Pfade, die hinaufführen,
sind für Wagen unzugänglich. Viele Stunden weiter nach
Süden in großem Umweg überschreitet die Straße
der Posten und Vetturine das Gebirge. Treppi vorüber ziehen nur
Bauern, die mit den Hirten zu handeln haben, selten ein Maler oder ein
landstraßenscheuer Fußwanderer, und in den Nächten
die Schmuggler mit ihren Saumtieren, die das öde Dorf, wo sie
kurze Rast machen, auf noch viel rauheren Felswegen zu erreichen
wissen, als alle andern. Es war erst gegen die Mitte Oktobers,
eine Zeit, wo die Nächte in dieser Höhe noch von
großer Klarheit zu sein pflegen. Heute aber hatte sich nach dem
sonnenheißen Tage ein feiner Nebel aus den Schluchten
heraufgewälzt und breitete sich langsam über die
edelgeformten nackten Felszüge des Hochlandes. Es mochte gegen
neun Uhr abends sein. In den zerstreuten niedrigen Steinhütten,
die über Tag nur von den ältesten Weibern und jüngsten
Kindern bewacht werden, glommen nur noch schwache Feuerscheine. Um die
Herde, über denen die großen Kessel wankten, lagen die
Hirten mit ihren Familien und schliefen; die Hunde hatten sich in die
Asche gestreckt; eine schlaflose Großmutter saß wohl noch
auf einem Haufen Felle und bewegte mechanisch die Spindel hin und her,
Gebete murmelnd, oder ein unruhig schlafendes Kind im Korbe


-10     пред. Страница 1 из 54 след.     +10