Der Weinhüter - Paul Heyse - Страница 1 из 134


Jahres, dessen Stadt- und Dorfgeschichten aus Menschengedenken schon
entschwunden sind, saß um die schwüle Mittagszeit ein
junger Bursch mitten in dem wuchernden Rebenwald, der, dicht an die
Stadt Meran herantretend, die Südabhänge des
Küchelberges bedeckt. Die übermannshohen Laubengänge,
in denen hier der Wein gezogen wird, waren mit dem Segen dieses Jahres
so beladen, daß ein dunkelgrünes Zwielicht durch die langen
lautlosen Gassen schwebte, zugleich eine träge stockende Glut, in
der kein Luftzug Wellen schlug. Kaum wo die kleinen Felstreppen
zwischen den einzelnen Weingütern schroff bergan laufen,
spürte man, daß man ins Freie auftauchte. Denn das Meer von
Siedeglut, das in dem weiten Talkessel wogte, schlug hier doppelt
schwer über dem unbeschützten Haupte zusammen. Auch sah man
selten einen Menschen des Weges wandern. Nur zahllose Eidechsen liefen
feuerfest treppauf treppab und raschelten durch das zähe
Efeugestrüpp, das die Grundmauern der Rebenäcker reichlich
umrankt. Die dunkelblauen Trauben mit den großen dickschaligen
Beeren hingen dichtgedrängt oben an der Wölbung der
Laubengitter, und ein seltsam perlender Ton ward in der tiefen
Mittagsstille dann und wann hörbar, als kreise vernehmlich der
Saft und koche am Sonnenfeuer in dem edlen Gewächs. Der Bursch
aber, der in halber Höhe des Berges einsam unter den Reben
saß, schien für diese geheimnisvolle Naturstimmung taub und
ganz seinen eignen düstern Gedanken hingegeben. Er trug die


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