Der letzte Zentaur - Paul Heyse - Страница 1 из 44


Frauenkirche schlug es Mitternacht. Ich kam aus einer Gesellschaft,
in der man sich vergebens bemüht hatte, eine sehr lahme und
trockene Unterhaltung mit gutem Wein in Fluß zu bringen. Der
Kopf war mir immer heißer geworden und das Herz immer
kühler. Endlich hatte ich mich weggestohlen in den sommerwarmen
Mondschein hinaus und schlenderte ziellos durch die totenstille,
taghelle Stadt, um den Unmut über die verlorenen Stunden
verdampfen zu lassen. Als ich an der ehrwürdigen Marienkirche
vorbei durch das Frauengäßchen in die Kaufingergasse trat,
blieb ich plötzlich stehen. Mir gegenüber lag, seine drei
Stockwerke mit den dunklen Fenstern gegen Mitternacht erhebend, ein
wohlbekanntes Haus mit vorspringender Ecke und einem blauen Laternchen
über dem Eingang, in dem ich vor mehr als einem Jahrzehnt manche
unvergeßliche Nacht bei schlechterem Getränk als heute,
aber unter feurigeren Gesprächen zugebracht hatte. Ich las die
Inschrift über der zierlich geschnitzten, von zwei Karyatiden
gestützten Holzumrahmung des Torwegs: »Weinhandlung von
August Schimon«. Jawohl, sagte ich vor mich hin, die Zeiten
wandeln sich und wir mit ihnen! Das ist noch derselbe Name, der damals
in jeder Woche unsre Losung war. Aber der ihn trug, der behäbige
Mann mit dem schwarzen Kraushaar und den verschmitzten kleinen Augen,
– wo ist er hingekommen? Sein Glücksstern hatte nur
über diesem Hause leuchten wollen. Als er es verließ, um in


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