Die Blinden - Paul Heyse - Страница 1 из 54


Blumengarten hinausging, stand die blinde Tochter des Dorfküsters
und erquickte sich am Winde, der über ihr heißes Gesicht
flog. Die zarte halbwüchsige Gestalt zitterte, die kalten
Händchen lagen in einander auf dem Fenstersims. Die Sonne war
schon hinab und die Nachtblumen fingen an zu duften. Tiefer im
Zimmer saß ein blinder Knabe auf einem Schemelchen an dem alten
Spinett und spielte unruhige Melodieen. Er mochte fünfzehn Jahr
alt sein und nur etwa um ein Jahr älter als das Mädchen. Wer
ihn gehört und gesehen hätte, wie er die großen offnen
Augen bald emporwandte, bald das Haupt nach dem Fenster neigte,
hätte sein Gebrechen wohl nicht geahnt. So viel Sicherheit, ja
Ungestüm lag in seinen Bewegungen. Plötzlich brach er
ab, mitten in einem geistlichen Liede, das er nach eignem Sinne
verwildert zu haben schien. Du hast geseufzt, Marlene? fragte er
mit umgewandtem Gesicht. Ich nicht, Clemens. Warum sollt' ich
seufzen? Ich schrak nur zusammen, wie der Wind auf einmal so heftig
hereinfuhr. Du hast doch geseufzt. Meinst du, ich hörte es
nicht, wenn ich spiele? Und ich fühl' es auch bis hierher, wenn
du zitterst. Ja, es ist kalt geworden. Du betrügst
mich nicht. Wenn dir kalt wäre, stündest du nicht am
Fenster. Ich weiß aber, warum du seufzest und zitterst. Weil der
Arzt morgen kommt und uns mit Nadeln in die Augen stechen will, darum
fürchtest du dich. Und er hat doch gesagt, wie bald Alles


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