Die Witwe von Pisa - Paul Heyse - Страница 1 из 44


scheint mir, daß Sie von den italienischen Frauen eine zu
günstige Meinung haben. Wieso? fragte ich. Ich habe
einige Ihrer Novellen gelesen. Nun, daß diese Arrabbiatas und
Anninas doch auch im Süden etwas dünner gesäet sind,
als der geneigte Leser sich einbildet, werden Sie selber zugeben.
Beiläufig, und ganz unter uns: sind es Geschöpfe Ihrer
Phantasie, oder Studien nach dem Leben? Frei nach dem lieben
Herrgott, der schwerlich finden wird, daß seine Originale durch
meine Bearbeitung gewonnen haben. Mag sein! Aber Sie leugnen doch
nicht, daß Sie sich absichtlich immer die besten Exemplare
ausgesucht haben? Da dürfen Sie sich denn nicht beklagen, wenn
man Sie zu den Idealisten rechnet. Beklagen? Wie sollte ich wohl!
Ich finde mich da in so guter Gesellschaft, daß ich froh bin,
wenn ich darin geduldet werde. Ebenfalls im tiefsten Vertrauen,
Verehrtester: Ich habe nie eine Figur zeichnen können, die nicht
irgend etwas Liebenswürdiges gehabt hätte, vollends nie
einen weiblichen Charakter, in den ich nicht bis zu einem gewissen
Grade verliebt gewesen wäre. Was mir schon im Leben
gleichgültig war, oder gar widerwärtig, warum sollte ich
mich in der Poesie damit befassen? Es gibt genug andere, die es
vorziehn, das Häßliche zu malen. Sehe jeder, wie er's
treibe! Schön! und vielleicht sogar richtig! Ich verstehe
diese Dinge nicht. Aber ich habe immer sagen hören, die Poesie


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