Die kleine Mama - Paul Heyse - Страница 1 из 105


stürmischen Tag gefolgt war, saß ein Mädchen wobei
seiner einsamen Lampe noch wach, da in den übrigen Zimmern des
alten Hauses schon seit einer Stunde alle Lichter ausgelöscht
waren. Auch hörten die engen Straßen der kleinen nordischen
Stadt, obwohl es noch nicht weit über zehn Uhr war, keinen
anderen Fußtritt mehr, als den des Wächters, der von Zeit
zu Zeit unter dem hellen Fenster stehen blieb und mit besonderem
Nachdruck seine Warnung, das Feuer und das Licht zu verwahren,
hinaufsang. Das Fenster droben war nur angelehnt. Der Nachtwind
hauchte über die Hyazinthenflora, die auf dem Simse stand,
kühl ins Zimmer und machte die kleine Lampe flackern. Das
Mädchen zog ein paar Mal das braune Tuch, in das sie sich
eingewickelt hatte, fester um die Schultern, schloß aber den
Fensterflügel nicht, sondern horchte über das Buch auf ihren
Knieen hinweg nachdenklich in die schlafende Stadt hinaus auf die
Viertelstundenschläge von der Stadtkirche. Gegenüber dem
Großvaterstuhl, in dem sie lag, stand ein Tischchen mit einem
sauberen Tuch überbreitet. Ein kleiner Theekessel summte darauf,
ein einfaches kaltes Abendessen und ein einzelnes Gedeck waren mit
einer gewissen Zierlichkeit hergerichtet und ein leerer Stuhl der
Lampe gegenübergerückt. Im Uebrigen sah es in dem
großen niedrigen Zimmer nicht nach einem Frauenregiment aus.
Alte vergilbte Kupferstiche, Oelskizzen, antike Statuenfragmente
verzierten Wände und Möbel in malerischer Unordnung, und den


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