Im Grafenschloß - Paul Heyse - Страница 1 из 107


häufigen und vertrauten Verkehr mit einem jungen Manne, dessen
seelenvolles Gesicht und edle Sitten auf jeden, der ihm nur
flüchtig nahe kam, einen gewinnenden Eindruck machten. Vertraut
darf ich unser Verhältniß wohl nennen, weil ich der Einzige
aus unserem studentischen Kreise war, den er aufforderte, ihn zu
besuchen, und der dann und wann seinen Besuch empfing. Aber von jener
ungebundenen, überschwänglichen, nicht selten zudringlichen
Verbrüderung, wie sie unter der studirenden Jugend hergebracht
ist, waren wir, als wir uns im Herbst trennten, fast so weit entfernt,
wie auf jenem ersten Spaziergange längs dem Rheinufer, wo uns der
gleiche Weg und das gleiche Entzücken an der wundervollen
Frühlingslandschaft zusammenführten. Selbst in seine
äußeren Verhältnisse hatte er mich nur
nothdürftig eingeweiht. Ich wußte, daß er aus einem
alten gräflichen Hause stammte, seine Knabenzeit im Schloß
seines Vaters unter der Leitung eines französischen Hofmeisters
verlebt hatte, dann mit diesem auf Reisen geschickt und endlich auf
seinen ausdrücklichen Wunsch zur Universität gegangen war.
Hier erst hatte er klar erkannt, was ihm bisher nur als eine dunkle
Ahnung nachgegangen war, daß es ihm an aller
regelmäßigen Bildung fehlte. Nun schloß er sich Jahre
lang mit Büchern und Privatlehrern ein, ließ draußen
das wilde Burschenleben vorüberbrausen, ohne von seiner Arbeit
aufzusehen, und war, da ich ihn kennen lernte, so weit gediehen,


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