Marienkind - Paul Heyse - Страница 1 из 129


Eisenbahndamm zwischen Wiesen und Wäldern dem Gebirge
zuläuft, schritt eines schwülen Nachmittags im Hochsommer
ein hagerer, langer Herr dahin, rüstigen Fußes trotz seiner
fünfundsechzig Jahre. Auf seiner hohen, starkgewölbten
Stirn, um welche sich dünne, graue Haarbüschel wunderlich in
schmalen Streifen herumlegten, standen große
Schweißtropfen und perlten auch auf der mächtigen Hakennase
und den glattrasierten Wangen, obwohl er sich's nach Möglichkeit
bequem gemacht hatte. Nur eine große, beulenreiche
Botanisiertrommel hing ihm an der Seite, doch schien sie nicht allzu
schwer zu sein. Den grauen Sommerrock hatte er ausgezogen und an die
Spitze des leinenen Sonnenschirmes gehängt, den er
nachlässig geschultert in der Linken trug. In der andern Hand
hielt er seinen braunen Strohhut, mit dem er sich fleißig
Kühlung zufächelte. Denn allerdings war die Luft hier
zwischen den dichten, windstillen Föhren und Buchen unleidlich
heiß und stickig und das Wandern auf der verregneten
Straße, wo es galt, alle Augenblicke einer schlammigen Lache
auszuweichen und von einem Steininselchen zum andern zu springen,
beschwerlich genug. Auch waren die leinenen Gamaschen des alten Herrn
unter den aufgekrämpten grauen Beinkleidern bis hoch hinauf
bespritzt und die Perlmutterknöpfchen hatten ihren Glanz
völlig verloren. All dies Ungemach ertrug der Wanderer aber
mit stoischer Ergebung, stand nur zuweilen aufatmend still und


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