Marion - Paul Heyse - Страница 1 из 15


Ludwig in Frankreich die Krone trug, war die gute alte Stadt Arras um
sechshundert Jahre jünger als heutzutage. Daß sie aber
tausendmal lustiger war, hatte sie außer ihrer Jugend vor Allem
der edeln Poetenzunft zu danken, die in ihr hauste und durch Lieder
und Mirakelstücke und kurzweilige gereimte Romane den Ruhm ihrer
Vaterstadt weit über das schöne Frankreich verbreitete.
Nun war es im frühen Frühling, daß in einem
Gärtchen zu Arras hinter dem Haus eines dieser wackern Poeten ein
junges Weib beschäftigt war, Reben an das Geländer zu
binden. Sie war zierlich gewachsen, von jener feinen, behaglichen
Fülle, die ein friedliches Gemüth anzuzeigen pflegt, und gar
anmutig von Gesicht. Stille schwarze Augen ließ sie dann und
wann über den Garten schweifen, als wüßten sie weder
von Freud' noch Leid. Aber ihre Hände feierten und träumten
nicht. Nach der Sitte wohlhabender Bürgerinnen trug sie das
blonde Haar mit mancherlei künstlichem Bänderschmuck
geziert, den Rock aber aufgeschürzt, der Arbeit und wohl auch den
hübschen kleinen Füßen zu Gefallen. Wie nun das
schöne Geschöpf in feiner gleichmütigen Thätigkeit
schon tiefer in das Gärtchen vorgeschritten war, erschien in der
Thür des Hauses, die nach dem Garten offen gestanden, ein Mann,
der an Gestalt und Wesen einen auffallenden Gegensatz zu dem jungen
Weibe machte. Er war von mittlerem Wuchs, lebhaftem Blick und
unregelmäßigen Zügen. Sein schwarzes Mäntelchen


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