Spielmannslegende - Paul Heyse - Страница 1 из 85


Novelle (Zuerst 1883 unter dem Titel ‹Siechentrost›
erschienen) An einem hellen Frühlingstage des Jahres 1375
ritt ein junger Mensch, dessen Aufzug und Gebärde schon von
weitem verriet, daß er guter Leute Kind war, das Lahntal
entlang, immer dem Fluß entgegen, der seine olivengrünen
Wellen vom schmelzenden Schnee geschwellt, hastig, aber lautlos dem
Rhein zuwälzte. Die Wälder, die hier im Hochsommer als eine
dunkle Wildnis die Straße am Ufer einsäumten, trugen noch
das erste junge Grün und waren von überlautem Gesang
nistender Vögel erfüllt, den dann und wann das
Schellengeklirr und Peitschenknallen vorbeiziehender Kärrner
übertönten. Denn Handel und Wandel, die über den Winter
geruht, hatten sich dieses Pfades seit Wochen wieder bemächtigt
und führten die Güter und Waren aus dem inneren Lande der
großen Wasserstraße zu, die Ladungen der Rheinschiffe
dagegen eintauschend. So ging es in diesen schattigen Gründen
und Waldschluchten vor einem halben Jahrtausend lustiger zu, als
heutzutage, wo aller Menschen- und Warenverkehr sich in die stummen,
dumpfen Eisenbahnzüge zusammendrängt. Auch auf dem Gesicht
des einsamen Reiters, obwohl er der Umgebung wenig achtete und den
Zuruf der Begegnenden nur mit einem stummen Kopfnicken erwiderte, lag
während der langen Stunden immer der gleiche Ausdruck einer
fröhlichen Hoffnung, den nur zuweilen ein Schatten von Ungeduld
trübte, wenn sein starkes flandrisches Pferdchen in ein gar zu


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