Unheilbar - Paul Heyse - Страница 1 из 137


hier bin, keine Zeile geschrieben! Ich war zu erschöpft und
aufgeregt von der langen Reise. Wenn ich mich niedersetzte und auf die
weißen Blätter starrte, war mir's, als blickte ich in eine
Camera obscura. Alle Bilder, die mir unterwegs entgegen geflogen
waren, tauchten ganz deutlich und farbig wieder auf und jagten sich
wie im Fiebertraume, bis mir die Augen übergingen. Unterwegs
fühlte ich auch mehr als ein Mal, daß mir die Thränen
nahe waren; aber ich war nicht allein, und von den fremden Herren, die
mitfuhren, bemitleidet und ausgefragt zu werden, hatte ich wahrlich
keine Lust. Hier ist's anders; ich bin einsam und frei; ich habe es
schon erfahren, daß nur die Einsamen frei sein können.
Warum schäme ich mich denn auch jetzt noch, zu weinen? Ist es
denn nicht traurig genug, daß ich erst einen Blick in alle
Schönheiten dieser Welt thun durfte, seit ich weiß,
daß es ein Abschiedsblick ist? – Es wäre wohl
besser, ich verschlösse dieses Heft und ließe die
Blätter leer. Womit kann ich sie füllen, als mit
unfruchtbaren Klagen? Ich hatte es mir schön und tröstlich
gedacht, alles niederzuschreiben, was mir in diesem letzten Winter,
den ich noch zu leben habe, durch den Sinn gehen würde. Ich
wollte meinem geliebten Bruder, meinem kleinen Ernst, der jetzt doch
noch zu jung ist, um das Leben und den Tod zu verstehen, an diesem
Hefte ein Vermächtniß hinterlassen, das ihm theuer
wäre, wenn er später einmal nach seiner Schwester fragte und


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