Die Waldsängerin - Robert Hamerling - Страница 1 из 42


  Vierte Auflage Hamburg.
Verlagsanstalt und Druckerei Actien-Gesellschaft (vormals J. J.
Richter) 1890   Ich war –
erzählte mir ein Freund – noch ein junger Mensch von wenig
über zwanzig Jahren, Studiosus der Philosophie, aber schon als
Lyriker in ein paar Almanachen hervorgetreten, und hatte mich soeben
über die Sommerferien bei einem Vetter in der ländlichen
Umgebung der Hauptstadt eingemiethet, in einem Dachstübchen, das
schmale Fensterchen, aber aus diesen schmalen Fensterchen eine weite
prächtige Aussicht hatte. Eines Abends spät wollte ich
nach einem ermüdenden Gebirgsausfluge mich eben zu Bette begeben,
als ich Jemand ungestüm die schwanke hölzerne Treppe
heraufpoltern und an meine Thür klopfen hörte. In
demselben Augenblick stürzte, ohne mein »Herein!«
abzuwarten, auch schon ein blonder Jüngling von ungefähr
gleichem Alter mit mir selbst, aber durch sprühende Augen und
eine Art von Mähne ausgezeichnet, die seinem Kopfe etwas
Löwenartiges gab, mit leidenschaftlicher Hast in mein Gemach.
Ich erkannte in ihm einen alten Schulkameraden wieder, den ich seit
Jahren aus den Augen verloren, und der, wie ich inzwischen vernommen,
mit dem Feuer seines Naturells, das mir von der Schule her recht wohl
erinnerlich war, sich ganz in die Arme seiner Lieblingsmuse, der
Tonkunst, geworfen hatte. »Endlich gefunden!« rief


-10     пред. Страница 1 из 42 след.     +10