Die Einkommensteuer - Rudolf Hawel - Страница 1 из 2


schriftlichen Erklärung zur Bemessung der Einkommensteuer ging
ich heuer mit jener Bescheidenheit vor, wie sie wahrhaft großen
Männern geziemt. Das wichtige Schriftstück sendete ich
eingeschrieben an das zuständige Steueramt. Ich wählte
diesen Weg, um den für die Erhaltung des Staates so wichtigen
Steuerbeamten durch meine Erscheinung nicht in unnötige Aufregung
zu versetzen. Die Folge meines Vorgehens war eine freundliche
Aufforderung, an einem bestimmten Tage und zu einer bestimmten Stunde
zuversichtlich im Zimmer Nr. 8 des Steueramtes zu erscheinen. Da ich
daraus ersah, daß die Herren dringend wünschten, mich
persönlich kennenzulernen, folgte ich der Einladung und begab
mich um die angegebene Zeit in das Zimmer Nr. 8. Dort fand
ich einen Herrn in mittleren Jahren, dem ich mich vorstellte. Er
begrüßte mich mit so gewinnender Liebenswürdigkeit,
wie ich eine solche einem Steuerbeamten niemals zugetraut hätte.
Noch größer aber ward mein Erstaunen, als der freundliche
Herr, statt mit seinen Amtsobliegenheiten zu beginnen, mir zu meinen
großen Erfolgen als Dichter herzlichst Glück wünschte.
Ich war überrascht und erzählte ihm, daß meine
Theaterstücke schon auf allen Bühnen Österreichs und
auch auf vielen deutschen Bühnen aufgeführt werden. Der
Beamte war entzückt und gratulierte mir nochmals auf die
herzlichste Weise. Sein Interesse war durch meine
Ausführungen so geweckt worden, daß er mich


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