Aus dem Leben eines Geringen - Ulrich Hegner - Страница 1 из 27


Abends, als es schon dunkel war, schwerbeladen in dem Marktflecken R.
eintraf, um des morgenden Tages meinen Kram auf dem Jahrmarkte feil zu
bieten. Müde, weil ich den ganzen Tag gewandert, stellte ich
meinen Waarenkasten in eine Ecke der Wirthsstube und setzte mich an
den runden Tisch, wo ich schon mehrere Bekannte, wie es Krämern
zu gehen pflegt, antraf. Behaglich vom Ausruhen und erheitert vom
Weine, kam man unter allerlei Gesprächen auch auf die große
Lotterie, die dieser Tage in W. gezogen werden sollte. Man sprach, wie
es der Brauch ist, von guten und bösen Zahlen, und erzählte
lockende Glücksgeschichten; da fiel mir ein, woran ich ohne diese
Reden kaum mehr gedacht hätte, daß ich schon seit geraumer
Zeit ein Paar Loose dieses Glückspiels bei mir trage, auf die ich
aber, als ein verhaßtes Erwerbniß, wie ich nachher
erzählen werde, nie einige Rechnung machte. Jetzt suchte ich sie
eitler Weise aus meiner Brieftasche hervor. Hier sind auch zwei, die
mich mehr kosten, als sie werth sind, wiewohl ich wenig von ihnen
erwarte, sagte ich, und wies sie meinen Nachbarn vor. An einem
nahen Tische saßen Juden, deren einer aufgestanden war und die
Loose eingesehen hatte; dieser ließ sich vernehmen, er sei schon
einige Male ziemlich günstig in Lotterien weggekommen und
möchte sein Heil wieder versuchen, wenn ich ihm die Zettel, auf
die ich so keinen großen Werth setze, um einen billigen Preis
überlassen wollte. Er bot mir eine spöttische Kleinigkeit,


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